Sabine Werth - Gründerin der Berliner Tafel zur Tafelkritik
in dem “Rundbrief August 2010” der Berliner Tafel äußert sich Sabine Werth, die Gründerin der Berliner Tafel, zur Tafelkritik (Auszug):
“…Aber gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir transparent agieren und Stellung beziehen. Seien es politische Entscheidungen, die wir in ihrer Tragweite für die Bevölkerung unseres Landes als schädlich erachten oder seien es auch Tafelkritiker, die uns vorwerfen, unpolitisch, angepasst und System stabilisierend zu sein. Der Begriff von der „Vertafelung der Gesellschaft“ wird immer wieder gern benutzt. Der Soziologe Stefan Selke meint, es gäbe zu viele Tafeln in Deutschland. Dadurch sei ein System der rundum Versorgung entstanden, das die Menschen nicht mehr zum Protest gegen ihre Situation motivieren würde, sondern sie sich in ihrer Situation einrichten ließe. Und der Berliner Soziologe Peter Grottian ist der Ansicht, die Tafeln würden politisch nur etwas bewegen, wenn sie drei Tage streiken würden, denn dadurch würde der Wille zum Protest bei den Bedürftigen in Gang gesetzt.
Zur Tafeldichte kann ich nur sagen, dass ich das ebenso sehe. 867 Tafeln in Deutschland sind wirklich zu viel. In manchen Gegenden sind die Tafeln derart dicht beieinander, dass es gar nicht mehr möglich sein kann, dass noch genügend Lebensmittel für die einzelnen Tafeln zur Verfügung stehen. Machen wir uns nichts vor, inzwischen bekommen wir pro Supermarkt in der Regel längst nicht mehr so viele Waren gespendet wie vor einigen Jahren. Die Firmen kalkulieren komplett anders. Es wird nicht mehr das gleiche Zuviel bestellt wie vor fast 18 Jahren. Der Konkurrenzkampf ist sehr viel härter, die Kaufkraft zurück gegangen. Wir fahren also weitaus mehr Märkte an, um die gestiegene Zahl unserer Kundinnen und Kunden zu versorgen.
Wir können hier das Rad nicht zurück drehen, aber wir müssen genau schauen, wo sich noch Tafeln gründen sollten. Hier kann und darf nicht Masse zählen!
Beim Vorschlag, unsere Arbeit auszusetzen, sind wohl Bock und Gärtner verwechselt worden. Wenn alle Kundinnen und Kunden der Tafeln im ganzen Land beschließen würden, an drei bestimmten Tagen in diesem Jahr nicht zu einer Tafel zu gehen und stattdessen zu demonstrieren, dann wäre dies eine Entscheidung der Bedürftigen selbst. Alle Medien würden berichten. Wir Tafeln dagegen würden mit einer Schließung die Menschen bestrafen, die gern zu uns kommen – der Lebensmittel und der sozialen Kontakte wegen – mitunter ihr Highlight der Woche.”
Den kompletten Text des Tafel-Rundbriefs der Berliner Tafel finden Sie hier.

