Tafeltreffen 2010: Reportage des Deutschlandfunks dradio.de
Im Vorfeld des Tafeltreffens 2010 in Berlin strahlte dradio.de einen – wie ich meine – ausgewogenen Bericht zur Tafelsituation aus. Viele Akteure der Tafelszene kommen zu Wort, so der Bundesvorsitzende Gerd Häuser, einige Aktive der Berliner Tafel mit Ihren zahlreichen “LAIB und SEELE” Ausgabestellen sowie der Tafelkritiker Dr. Stefan Selke. Lesen Sie den vollständigen Bericht oder hören sie sich die Reportage direkt auf der angegebenen Seite bei dradio.de an.
Einige Zitate und Kernaussagen möchte ich auch hier einstellen:
Pfarrer Peter Storck (LAIB und SEELE):
“… Aber wir hätten eigentlich gerne zum fünften Jubiläum die Ausgabestelle geschlossen, weil sie überflüssig ist. Das wäre ideal gewesen. Davon sind wir im Moment weit entfernt.”
Michael König, Vorsitzender Tafel Soest:
“Wenn wir in Soest halt sehen, dass wir in der Woche circa 1000 Menschen versorgen, die jede Woche zu uns kommen, dann können wir einmal sagen, wir sind toll, aber ich finde, es wäre naiv, nicht die Frage zu stellen, warum kommen jede Woche tausend Menschen zu uns, was läuft hier eigentlich falsch, dass so viele Menschen in Armut leben, dass sie auf weitere Hilfen angewiesen sind.”
Andrea Nahles, Generalsekretärin SPD:
“…Armut hat auch ein Stück weit eine Stimme bekommen über die Tafeln. Das finde ich gut so, weil das dazu führt, dass Leute, die Hilfe brauchen, das auch artikulieren.”
Sabine Werth, Gründerin und Vorsitzende der Berliner Tafel:
“Ich hab mal eine schöne Situation gehabt, ich war in Irland und hab einen Vortrag über Tafeln gehalten und die sagten: Ja, und wenn wir dann einen Kindergarten haben, der gestrichen werden muss, dann machen wir das nicht selber, sondern fordern so lange bei der Politik, bis wir das durchgekriegt haben, und wir hatten so einen Fall und nach fünf Jahren haben wir dann endlich die Renovierung durchgekriegt, und dann hab ich gesagt: So ein Blödsinn, so lang haben die Kids im Unrenovierten gelebt, wir würden uns Farbe sponsorn lassen und im bürgerschaftlichen Engagement das Ganze streichen, und parallel dazu die Presse einladen und darauf hinweisen, was für eine schreckliche Situation es ist, dass wir das selbst machen müssen.”
Tafelkritiker Stefan Selke:
“Wenn man so argumentiert, ich mach es lieber selbst und warte nicht darauf, das ist natürlich ein gewisser Zeitgeist, das ist eine gewisse Ideologie, die kann in bestimmten Situationen genau sinnvoll sein, ja, die Eltern, die sich zusammentun, um die Schule zu streichen und nicht warten wollen, bis es der Staat macht, da geht es nicht um Existenzsicherung, da geht es um nice-to-have-Dinge, ja, es gibt ganz viele Bereiche, wo dieses ehrenamtliche Denken Sinn macht, aber Vorsicht ist da geboten, wo es etwas substituiert, was ein lange erkämpfter Konsens und Grundlage unserer Kultur ist, nämlich diese Existenzsicherung, die menschenwürdige Existenz und das ist eine Aufgabe des Sozialstaates.”
Dankbarkeit und andere Gefühle – Ein Kunde von LAIB und SEELE:
“Musst dir mal überlegen: Ey, wir leben im 21. Jahrhundert und es gibt Armenküchen. Uff der einen Art wollen sie alle so zivilisiert sein in diesem Staat, auf der anderen Art haben wir nen Zustand wie 1929. Hallo! Da ist doch was nicht richtig. Ich bin zufrieden, dass es so was gibt, sonst würde es sehr schlimm aussehen für uns, müsst ich klauen gehen oder weeß ick wat, um zu überleben, aber dadurch, dass LAIB und SEELE existiert, ist mir diese Schande erspart geblieben.”
Gerd Häuser, Vorsitzender Bundesverband Deutsche Tafeln:
“So ein Aufstand von unten, es gibt ja manche Leute, die sagen, den verhindern wir, dadurch, durch unsere Arbeit, ich sehe den nicht, weil die Tafellandschaft und die Tafelkundschaft ist so heterogen, dass uns zum Beispiel nie gelingen wird, eine Riesendemonstration zu machen. Demonstriert denn irgendein Deutscher gegen die Bankengeschichte, das ganze Volk müsste rausgehen und sagen: Da machen wir gar nicht mehr mit in der Sache. Wie viel weniger kriegen Sie Menschen, die schon enttäuscht sind, die teilweise die Gesellschaft schon aufgegeben haben, weil die Gesellschaft gesagt hat: du gehörst eigentlich gar nicht mehr zu uns.”
Pfarrer Peter Storck, LAIB und SEELE, bringt es auf den Punkt:
“Wir wollen eigentlich nicht dazu beitragen, dass das Recht auf Grundsicherung und zwar auf ausreichende Grundsicherung ausgehöhlt wird, durch eine sogenannte Almosengesellschaft, dass sich die Gesellschaft einfach darauf verlässt, dass jeder, der Grundsicherung bekommt, irgendwo sich in einer Armenküche noch irgendwie versorgen kann. Und von da her ist die ganze Tafelbewegung auch in einem Dilemma: Wir wollen die einzelnen unterstützen, und wir wollen auch ne solidarische Gesellschaft unterstützen. Aber wir wollen nicht dazu beitragen, dass Arme unterversorgt werden.”

